Du hast Talent. Mach was draus!
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Aus meiner Zeit in der Oberstufe erinnere ich vor allem zwei Gefühle: Erwartung, aber auch Angst. Bang war mir, weil das Ende der Schulzeit nun unaufhaltsam auf mich zukam.

Neugierig war ich auf die "große Freiheit" - eine Zeit, in der einem niemand vorschrieb, wie der Tag auszusehen hat. Auf der anderen Seite plagten mich Zweifel, wie ich damit zurechtkommen würde, wenn ich plötzlich nicht mehr nach einem fixen Stundenplan lebe. Und: mit dem Abitur kam auch eine Richtungsentscheidung auf mich zu. Welches Studienfach, welcher Job? Kurzum: Mit 16, 17 Jahren hatte ich dieselben Selbstzweifel wie viele andere Jugendliche auch.

Ich interessierte mich damals für alles Mögliche, hatte aber keine klare Vorstellung, was ich einmal werden wollte. Als Leistungskurse hatte ich Englisch und Geschichte belegt. Außerdem bin ich mit Mathematik und Deutsch ins Abitur gegangen. Weniger gut war ich in Physik und Chemie: Ich fand beides irgendwie spannend - aber das auswendig lernen von Tabellen (so sah der Unterreicht aus) war nicht meine Sache. Meine Fächerkombination konnte mir also auch nicht wirklich weiter helfen, welcher Beruf oder welches Studium für mich nach dem Abitur in Frage kommen würde. In einem war ich sicher: Ich wollte auf keinen Fall Lehrerin werden.

Zur Volkswirtschaft bin ich also eher durch eine Art Ausschlussverfahren gekommen. Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Politik interessierte mich. Damit war die Sache entschieden. Grundstudium in Hamburg, Zwischenstation in Straßburg als Studentin im Erasmus-Programm, Hauptstudium, Abschluss und Promotion in Heidelberg.

Meinen Wechsel ins Studium habe ich als Befreiung empfunden. Aber es gab auch neue Unsicherheiten. Wohnung, Essen - das gehört in der Schulzeit zur Grundausstattung im Elternhaus. Plötzlich musste ich vom WG-Zimmer bis zu Lebensmitteln im Kühlschrank alles selbst organisieren. Und ich hatte ein Monats-Budget, das ich selbst verwalten musste. Es war übrigens auch recht knapp bemessen, weil meine Eltern wollten, dass ich den Wert von Geld schätzen lerne. Der wichtigste Unterschied zwischen Schule und Studium war, dass ich plötzlich selbst Richtungsentscheidungen für mich selbst zu treffen hatte.

Ich musste Prioritäten für mich setzen. Ein kleines Beispiel dafür hing übrigens auch mit meinem recht knappen Studenten-Budget zusammen: Während des Studiums hatte ich zeitweise einen lukrativen Job im Marketing: 20 Mark pro Stunde, das war für meine damaligen Verhältnisse viel Geld. Doch anderntags hatte ich regelmäßig Probleme, mich aufs Studium zu konzentrieren, weil der Job zuviel Energie zog. Deshalb habe ich mir etwas weniger lukrative Jobs in den Semesterferien gesucht, die auch inhaltlich mit meinem Studium zu tun hatten, und nicht mehr parallel in der Vorlesungszeit gejobbt.

Im Nachhinein sieht in meinem Lebenslauf alles sehr folgerichtig und zielstrebig aus. Aber letztlich war es eine Abfolge von Entscheidungssituationen. Nie hätte ich während meiner Studienzeit daran gedacht, dass Politik für mich einmal zum Beruf werden könnte. Zwar habe ich mich während meines Studiums bereits ehrenamtlich für die FDP engagiert: Die Leute und das Programm gefielen mir. Aber ich hatte nie ernsthaft auf dem Schirm, dass daraus einmal ein Beruf werden würde. Das war auch noch nicht so, nachdem ich mein Praktikum bei der EU-Kommission in Brüssel absolviert hatte. Selbst als ich mich 1998 in Brüssel als Unternehmensberaterin selbstständig gemacht hatte, war davon noch keine Rede.

In die Unternehmensberatung bin ich gegangen, weil mich die Gemengelage zwischen Politik und Wirtschaft interessiert hat, ich mich aber nicht wirklich für eine der beiden Seite entscheiden konnte. Nur in einem war ich sicher, und hier haben wir wieder das Thema Ausschlussverfahren: Ich wollte nicht Produktmanagerin zum Beispiel für eine Zahnpastamarke werden.

In Brüssel habe ich dann eine weitere wichtige Entscheidungssituation erlebt. Guido Westerwelle fragte mich 2003, ob ich mir vorstellen könnte, fürs Europaparlament zu kandidieren. Zuerst war die Frage eher beiläufig gestellt, kurz darauf hat er mich dann direkt gefragt. Hopp oder Top? Ich war vorbereitet, weil ich nach dem ersten Hinweis Chancen und Risiken, aber auch den worst case durchdacht hatte. Die Chancen auf einen Erfolg waren eher vage. Die FDP war zehn Jahre nicht im EU-Parlament, und ich als Newcomer sollte die Spitzenkandidatur übernehmen. Ich habe dann gesagt: "Ich mach das." Denn das Risiko schien mir kalkulierbar: Im Wahlkampf hatte ich als selbstständige Unternehmensberaterin mit mehreren Monaten Gehaltsausfall zu rechnen. Das Risiko war es mir wert! Ich dachte damals außerdem, dass die Teilnahme an einer solchen Kampagne so oder so eine wichtige persönliche Erfahrung sein könnte. Und dann war ich gewählt.

Bereut habe ich meinen Wechsel in die Politik bislang nicht. Es ist sicher nichts, was ich mein Leben lang machen möchte, weil man da auch betriebsblind werden kann. Würde ich meinen Weg anderen empfehlen? Das ist sicher typabhängig. Ich habe auch Bekannte, für die es das Höchste ist, möglichst schnell verbeamtet zu werden, um lebenslang Sicherheit zu haben. Meine Lebensphilosophie ist das nicht. Ich sehe mein Leben als ständige Entwicklung. Auch wenn bis jetzt vieles als logische Abfolge erscheint - es waren auch Zufälle dabei. Vorbereiten kann man sich darauf nicht, aber man sollte darauf vorbereitet sein, dass vieles im Leben zufällig ist, um aber dann entschlossen zu entscheiden, wenn sich Chancen bieten.

Persönlich:
Dr. Silvana Koch-Mehrin zog im Jahr 2004 als erste FDP-Abgeordnete seit zehn Jahren ins Europäische Parlament ein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der ALDE (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa). Am 17. November 1970 in Wuppertal geboren hat sie Teile ihrer Kindheit in Afrika verbracht, wo ihr Vater in Entwicklungsprojekten engagiert war. Bis 1990 besuchte sie das Gymnasium in Köln. Als Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung studierte sie Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Hamburg, Straßburg und Heidelberg. Schon während ihrer Studienzeit jobbte sie in der EU-Kommission. Ihre Ausbildung beendete sie mit einer Promotion und machte sich 1996 mit einer Unternehmensberatung in Brüssel selbstständig. Sie ist unterdessen Mutter zweier Kinder. Zurzeit erwartet sie ihr drittes Kind, Geburt voraussichtlich in der ersten Januarwoche 2008. Ehrenamtlich engagiert sich Silvana Koch-Mehrin unter anderem als Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).
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