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Wie ein Rockgitarrist zum Rechtsanwalt wurde

Dr. Mathias Dieth (43) ist Anwalt in Köln. In seinem ersten Leben hat Dieth professionell Musik gemacht, er war Gitarrist von Heavy Metal Bands und tourte mit Größen wie Ozzy Osbourne und Guns n`Roses. Wir haben den Juristen gebeten, über seine Musikerzeit und seinen Wechsel in einen „normalen“ Beruf zu berichten.

Von Dr. Mathias Dieth

Musiker wollte ich schon mit 12 Jahren werden. 1976 stand ich erstmals auf einer Bühne,

in der Aula meines Gymnasiums bei Ulm: Wir spielten beim bunten Abend „Radioaktivität“ von Kraftwerk und Buddy Hollys „Oh Boy“. Die E-Gitarre hatte ich mir geliehen. Mit 17 steckte ich mitten in der Ulmer Rockszene. In der Schule tat ich das Nötigste, um versetzt zu werden und das Abitur zu schaffen. Natürlich waren meine Eltern besorgt. Ich sollte ja "was G´scheits" lernen, wie man in Schwaben sagt. Ehrlich gesagt: Wenn mir damals jemand angeboten hätte, bei Judas Priest mitzuspielen, ich hätte das Abi wohl sausen lassen und wäre weg gewesen. Aus heutiger Sicht zum Glück für mich klopfte damals noch keine Profi-Band an. Also machte ich meinen Schulabschluss.

Danach Zivildienst, Behindertransport. Endlich eigenes Geld für Gitarren, die ich von meinem Sold abstotterte,

und – für mich das Nirvana – drei Stunden Pause über Mittag: Zeit zum Gitarre üben. In dieser Zeit sprachen mich Gravestone, eine lokale Band, an. Sie hatten bereits Platten gemacht. Ich spielte mit dieser Semiprofi-Band meine ersten beiden Alben ein. 1986 schrieb ich mich an der Universität Hohenheim im Fach Wirtschaftswissenschaften ein. Ich war der langhaarige Exot im Hörsaal. Das Studium begann kurios: Zwei Wochen Vorlesungen, dann erst einmal drei Wochen mit der Band auf Deutschlandtournee. Als ich zurückkam, halfen mir liebe Kommilitonen, meine Scheine zu machen. Die Musik nahm mich allerdings immer mehr in Anspruch. Mit Sinner nahm ich 1985 und 1986 zwei Alben auf – meine ersten Sessions im legendären Studio von Dieter Dierks in Stommeln. Dierks hatte Top Acts wie die Scorpions produziert.

1987 der Wechsel ins Profilager. Accept-Sänger Udo Dirkschneider rief bei mir an!

Accept – das war neben den Scorpions damals die zweite deutsche Hardrock-Band mit internationalem Format. Udo wollte mich für seine neue Band U.D.O. Ich packte Gitarren und Verstärker, verließ Heimat und Uni und zog ins Rheinland. Wir spielten mit U.D.O. vier Alben ein, die auch international erfolgreich waren: Animal House (1988),  Mean Machine (1989), Faceless World (1990), Timebomb (1991). Wir tourten 1988 in Amerika mit Guns n´Roses und 1989 mit Ozzy Osbourne. Für meine Verhältnisse verdiente ich sogar endlich Geld: Monatlich 1000 Mark, wovon allein 400 Mark für die Wohnung draufgingen.

1991 drehte der Wind. Teile der Szene wandten sich dem Grunge Rock von Bands wie Nirvana zu.

Ich wollte mich diesem Trend nicht anpassen, und bekam ernste Zweifel, ob mein Talent fürs Leben tragen würde. Und der Schwabe regte sich in mir: „Jetzt lern doch noch was Gscheits!“

Ich begann mein Jura-Studium an der Uni Köln. Warum Jura?

Weil ich gelernt hatte, dass juristisches Verständnis in der Musikbranche große Vorteile hat. Ich hatte anfangs selbst blind Verträge unterschrieben, die ich heute in der Luft zerreißen würde. Finanziell hielt ich mich mit Studiojobs als Musiker und Gitarrenunterricht über Wasser. Teilweise unterstützen mich auch meine Eltern. Nach acht Semestern machte ich 1996 mein erstes juristisches Staatsexamen. 1998 gab ich meine Doktorarbeit ab, 1999 wurde ich Anwalt.

Erste Frage: War es das alles wert?

Für mich kann ich die Frage klar mit „Ja“ beantworten. Die Erfahrungen, die ich als Musiker gemacht habe, werden mich mein Leben lang begleiten und kommen mir auch in meinem heutigen Beruf zu Gute.

Zweite Frage: Tänzer, Hip Hopper, Hardrocker – hat man ein Recht darauf, seinen Traum zu realisieren?
Auch hier ein klares „Ja“ von mir. Wenn Du Hip Hopper werden willst, sollst Du es versuchen – notfalls vielleicht auch gegen den Willen der Eltern. Doch  jetzt kommt mein „aber“: Aber man muss bei allem ehrlich vor sich selbst sein und wissen, wann die Sache zu Ende oder ausgereizt ist und man lieber „was G´scheits“ lernen sollte.

Dr. Matthias Dieth live an der Gitarre:
U.D.O. - Princess Of The Dawn (Live in finland) (Youtube)
U.D.O. - Balls To The Wall (Live In Finland) (Youtube)
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