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Kunst oder Kohle präsentiert: Andrea, Gitarristin und Journalistin

wassollwerden: Hallo Andrea, vielen Dank, dass du dich für wassollwerden.de interviewen lässt. Bestimmt würden viele gerne wissen, wie man die Arbeit als Musikerin mit der Arbeit als Journalistin in Einklang bringt und ob das nicht den totalen Stress bedeutet?

Andrea:
Hi www. Es bedeutet den totalen Stress und lässt sich trotzdem halbwegs vereinbaren. Journalisten haben verglichen mit Bäckereifachverkäuferinnen recht flexible Arbeitszeiten. Wir müssen also nicht um 6 Uhr auf der Matte stehen, sondern trudeln meist gegen 10 Uhr auf den ersten Pressekonferenzen ein. Dafür dauert unser Arbeitstag allerdings länger. An manchen Tagen, wenn Abendtermine anfallen, kann es schon mal bis 24 Uhr gehen. Als fest angestellte Redakteurin habe ich eine tariflich vereinbarte Arbeitszeit, sprich: Überstunden kann ich abbummeln. Wenn meine Bands also einen Gig haben, ist es selten ein Problem, frei zu bekommen.

wassollwerden: Warst du schon in der Schule ein Talent in Deutsch und Musik?

Andrea:
Im Abitur hatte ich Deutsch als Leistungskurs. Aufsätze habe ich schon immer gern geschrieben. Meinen Musiklehrer (er war schon etwas älter ;-)) konnte ich mit dem fehlerfreien Singen und auf der Gitarre begleiten von „Über den Wolken“ von Reinhard Mey begeistern. Seitdem hatte ich eine Dauer 1 in Musik. Der ganze Fugen-Kram in der Oberstufe hat mich dann weniger interessiert, weshalb ich Kunst als viertes Prüfungsfach wählte.

wassollwerden: Hast du schon als Kind musiziert?

Andrea: Ja. Es begann mit einer Zither. Ich hatte mir mit sieben eine Gitarre gewünscht, die gab es allerdings damals in Ost-Berlin gerade nicht. Meine Eltern dachten wohl: So ne Zither hat auch Saiten? Das war ziemlich enttäuschend. Mit 12 bekam ich dann meine erste Konzertgitarre, mit 15 den ersten Unterricht (für eine 1 in Mathe). Das meiste hatte ich mir bis dahin mit einschlägigen Liederbüchern beigebracht. „Lady in Black“, „Ikarus“ von den Puhdys und so was.

wassollwerden: Haben dich deine Eltern in deiner künstlerischen Ader unterstützt?

Andrea: Nicht wirklich. Ich glaube meine Eltern waren etwas überfordert damit, ein musikverrücktes Kind zu haben. Die sind eher sportlich. Mein Vater war als Kind ein begnadeter Leichtathlet, meine Ma spielte mit Begeisterung Volleyball. Ich war eher der Typ Stubenhocker: Immer ein Buch vor der Nase oder die Gitarre auf den Knien.

wassollwerden: Wie reagierten Freunde auf deine Vielseitigkeit? Bist du da eher auf Ablehnung oder auf Begeisterung gestoßen?

Andrea: Viele freuen sich über Plätze auf der Gästeliste wenn eine der beiden Bands spielt. Schwierig wird’s, weil ich tatsächlich wenig Zeit habe. Wenn eine Freundin anruft und unbedingt heute Abend mit mir ins Kino will, muss ich leider oft absagen. Weshalb es mir sehr wichtig ist, mit Freunden Musik zu machen. Ich muss die Menschen in den Bands, in denen ich spiele mögen, weil sie eben oft einen wichtigen Teil „Freundeskreis“ darstellen - schließlich verbringen wir eine Menge Zeit miteinander und fahren auch gemeinsam durch die Weltgeschichte.

wassollwerden: Wie ist eigentlich dein Ausbildungsweg verlaufen?

Andrea: Sehr kraus. Abitur, ein ¾ Jahr Gartenbau (wollte mal Landschaftsplanung studieren), dann auf Landschaftsplanung und Biologie beworben (meine Eltern argumentierten damals, dass man mit einem Germanistik-Studium wenig anfangen könne, außer Taxi fahren, jung und unerfahren, wie ich war, habe ich ihnen geglaubt), Diplombiologin. Dann habe ich 2 Jahre gejobbt und Musik gemacht, bis die Sängerin unserer damaligen Rockband das Handtuch schmiss, um „sich selbst zu finden“. Das war sehr frustig. Ich beschloss dann, mich auf meine Roots zu besinnen, machte Praktika in einem Verlag und einer Nachrichtenagentur. Dann eine Weiterbildung als Fachzeitschriftenredakteurin, weitere Praktika (Magazin, Nachrichtenagentur, Werbeagentur, Tageszeitung, Pressearbeit für einen Kulturveranstalter) und begann als freie Journalistin zu arbeiten. Vor drei Jahren bekam ich dann eine feste Stelle bei der Tageszeitung, für die ich als „Freie“ am meisten geschrieben hatte. Ich bin also eine klassische Quereinsteigerin.

wassollwerden: Und wie bist du zum Gitarre spielen gekommen?

Andrea: Meine Cousine spielte Gitarre, das fand ich Klasse.

wassollwerden: Wie kam es dazu, dass du angefangen hast, in Bands zu spielen?

Andrea: Mit 18 lieh mir ein Freund seine E-Gitarre. Dazu braucht man tatsächlich einen Übungsraum und eine Band. Also habe ich über eine Anzeige meine erste Frauenband gesucht und gefunden - mit dem Gedanken, wenn das alles Frauen sind, trau ich mich eher.

wassollwerden: Es gibt ja angeblich immer noch Vorurteile gegen Frauen in der Musik, speziell im Rockbereich. Hast du da schon blöde Sprüche erlebt, oder gehört das der Vergangenheit an?

Andrea:
Nö, die gibt’s allerorten. Etwa irgendwelche Jungs, die der Mädels-Band beim Verstärker schleppen zusehen mit den Worten: „Na, ihr Emanzen, wer Musik machen will, muss auch sein Zeug schleppen können“ oder Verkäufer in Musikgeschäften, die, wenn du nach einer konkreten Saiten- oder Plec-Marke fragst, wissen wollen, ob das Zeug für deinen Freund ist. Oder dir die teure 2000 Euro-Gitarre erst nach dreimaligem Nachfragen in die Hand geben. Ich denke mal, Keyboarderinnen oder Sängerinnen haben da weniger Probleme.

wassollwerden: Du spielst ja in zwei Frauenbands? Woran liegt das?

Andrea:
Da sind die Witze besser! Das ist zumindest die Antwort, die wir klassischerweise Journalisten geben, die danach fragen. Bei mir war es der Anfang, danach habe ich in mehreren gemischten Bands gespielt. Später hat es sich einfach wieder so ergeben, ohne dass ich konkret nach einer Frauenband gesucht hätte.

wassollwerden: Gibt es Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Musikern?

Andrea: Frauen riechen im Allgemeinen besser. Das kann im Bandbus unglaublich wichtig sein!

wassollwerden: Haben Gitarristinnen eigentlich auch Groupies?

Andrea: Na klar.

wassollwerden: Wie sieht der Arbeitstag einer Journalistin eigentlich genau aus?

Andrea:
Das kann man nicht verallgemeinern. Ich arbeite als Reporterin. Das bedeutet, ich recherchiere Themen, über die ich dann schreibe, gehe zu Pressekonferenzen, allen möglichen Veranstaltungen etc. Das Schöne am Tageszeitungsjournalismus ist, das du viel und schnell in relativ kurzer Zeit verarbeitest und die Dinge auch schnell wieder vom Schreibtisch hast.

wassollwerden: Wie sieht die Woche für dich als Gitarristin aus? Wie viel übst du? Wie viel Zeit widmest du dem Musik machen?

Andrea:
Je nachdem, was gerade mit welcher Band ansteht (Gigs, Aufnahmen, Fotos, Shows) investieren wir Zeit. Für die Coverband proben wir meist nur vor Auftritten, es sei denn, wir testen neue Stücke ein. Die Popband sollte probenintensiver arbeiten, weil wir tolle eigene Popsongs machen - das scheitert allerdings oft an der Chaotik der einzelnen Mitmusikerinnen. Für einzelne Sachen bereite ich mich auch zu Hause allein zur CD vor. Im Schnitt probe ich einmal die Woche mit jeder Band.

wassollwerden: Wenn du die Wahl hättest, was könntest du leichter aufgeben, das Schreiben oder das Musik machen?

Andrea:
Schwierige Frage, keins von beidem. Wenn mir ein Traumjob als Journalistin angeboten würde, müsste ich vielleicht eine oder sogar beide Bands aufgeben - dennoch werde ich weiter Gitarre und Bass spielen, und sei es zu Hause vorm 8-Spur-Recorder, um meine eigenen Songs aufzunehmen. Wenn jemand mit einem Plattenvertrag wedeln würde und ich meine feste Stelle aufgeben müsste, würde ich dennoch weiter schreiben, sei es als freie Journalistin oder als Schriftstellerin oder was auch immer.

wassollwerden: Was würdest du Mädchen raten, die unbedingt Journalistin werden wollen?

Andrea: Im Augenblick ist die Situation für Journalisten zumindest in Berlin sehr schwierig. Viele Zeitungen haben Mitarbeiter entlassen, es gibt viele Freie, die um den knappen Platz bei den einzelnen Blättern konkurrieren. Es könnte klug sein, sich zu spezialisieren (zum Bespiel werden immer Frauen in den männlich dominierten Sportredaktionen gesucht). Oder man entscheidet sich für die Medien TV oder Radio, da kann man als Freie mehr Geld verdienen und die Krise am Zeitungsmarkt ist noch nicht dorthin geschwappt. Auf keinen Fall sollte man sich davon abhalten lassen, das zu machen, was man wirklich möchte! Sinnvoll ist auf jeden Fall, mehrere Praktika bei verschiedenen Medien zu machen, das hilft bei der Entscheidungsfindung.

wassollwerden: Was würdest du Mädchen raten, die auf der Bühne rocken wollen?

Andrea:
Gleichgesinnte suchen und losrocken. Übungsräume und spezielle Mädchenförderprogramme gibt es inzwischen, etwa in Jugendzentren oder beim Frauenmusikzentrum Lärm und Lust in Berlin.

wassollwerden: Wie gründet man eigentlich eine Band?

Andrea: Man überlegt sich, welche Art Musik man machen will und sucht die passenden Musiker entweder über eine Zeitungsannonce, im Internet oder per Aushang in einem Musikgeschäft.

wassollwerden: Was muss man beachten, wenn man als Band Erfolg haben will?

Andrea:
Üben, üben, üben. Eine einheitliche Linie (Was wollen wir? Wohin wollen wir?) schadet auch nicht. Ein gutes, nicht schon 100-mal gesehenes Bandfoto, kurzer Infotext und Demo auf CD sind dann als nächstes fällig. Schauen, wo andere Bands der  Musikrichtung spielen und viel live auftreten.

wassollwerden: Würdest du selbst bei einer Talentshow wie „Deutschland sucht den Superstar mitmachen?“

Andrea: Wenn ich Sängerin wäre, würde ich darüber nachdenken. Man lernt ja dadurch auch was. Als Musikerin stellt sich mir die Frage nicht.

wassollwerden: Könntest du eigentlich von dem Geld leben, das du als Gitarristin verdienst?

Andrea:
Im Sommer beinahe, wenn beide Bands gut gebookt sind, im Winter nicht.

wassollwerden: Was würdest du anders machen, wenn du noch mal ganz von vorn anfangen würdest, so wie unsere User?

Andrea:
Heutzutage: Keine Zeit verschwenden. Das tun, woran man wirklich Spaß hat, wofür man wirklich ein Händchen hat. Die wirtschaftliche Situation kann in drei, vier Jahren schon wieder ganz anders aussehen. Ich hätte ein Publizistik-Studium sicher schneller durchgezogen als das Bio-Ding (16 Semester), einfach weil es mich mehr interessiert hätte. Dennoch hilft mir Biologie insofern, als dass ich damit auch eine fachliche Spezialisierung habe und zum Beispiel als Wissenschaftsjournalistin arbeiten könnte. Ich habe nie Bafög bekommen und musste nebenher arbeiten (Lichttechnik, Motorrad-Kurier), das hat zwar die Studien-Zeit verlängert, aber wertvolle Erfahrungen gebracht.

wassollwerden: Was bedeutet für dich echtes Glück?

Andrea:
Mal wieder ausschlafen können und Frühstück  ans Bett gebracht zu bekommen?

Vielen Dank Andrea. Wir hoffen, dass wir mit diesem Interview noch einer ganzen Menge potentieller Musikerinnen und Journalistinnen ein paar wertvolle Tipps gegeben haben.